• Prisoner X

# 8 Catfish – Part II

Sich als jemand auszugeben, der nicht inhaftiert ist, würde einem Häftling große Mühe bereiten. Einige wären dennoch dazu bereit, wenn sie die Möglichkeit hätten. Die meisten jedoch können nicht die notwendigen Ressourcen aufbringen und würden kaum das nötige Maß an Arbeit investieren wollen, das erforderlich ist, um eine solche Blenderei aufrechtzuerhalten.

Außerdem gibt es einen sehr einfachen Grund, warum ein Täuschungsmanöver überhaupt nicht notwendig ist. Früher war der Kontakt mit der Außenwelt für die Gefangenen sehr begrenzt. Der Durchschnittshäftling wurde weitestgehend von der Welt jenseits der Gefängnismauern vergessen und hatte kaum Möglichkeiten, sich wieder mit alten Freunden in Verbindung zu setzen oder neue Kontakte zu schließen. Ein oder zwei Briefe pro Jahr und eine Karte zu Weihnachten waren in der Vergangenheit die Norm. Viele haben nicht einmal dieses Minimum an Aufmerksamkeit erhalten.

Mit dem Aufkommen von Webseiten, die Gefangene bei der Vermittlung von Brieffreundschaften unterstützen, sind diese Zeiten längst vorbei. Als diese Seiten vor etwa 15 Jahren zum ersten Mal eingerichtet wurden, waren die meisten Häftlinge zunächst skeptisch. Sie haben angenommen, dass es sich um einen Betrug handeln würde und die Webseitenbetreiber ihr Geld nehmen würden, ohne ein Ergebnis zu liefern. Kaum einer von uns glaubte daran, dass jemand Interesse an der Korrespondenz mit Häftlingen haben würde. Ich war einer von denen, die so dachten, und wie sich herausstellte, lag ich völlig falsch.

Obwohl ich schon seit einiger Zeit nicht mehr auf solchen Webseiten aktiv bin, habe ich fast 10 Jahre lang ein Profil online gehabt. In diesem Zeitraum erhielt ich Briefe von über 2.000 Frauen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Das lässt einige von Ihnen vielleicht zu der Schlussfolgerung kommen, dass ich einen extrem prominenten Fall haben muss oder dass ich außergewöhnlich attraktiv bin. Nichts davon trifft zu. Ich habe einen durchschnittlichen Fall und sehe auch durchschnittlich aus. Die Resonanz, die ich erhielt, liegt etwas über dem Durchschnitt anderer Häftlinge, da ich ein wenig besser im Formulieren meines Steckbriefs bin als andere. Dennoch ist die hohe Antwortrate nicht ungewöhnlich und ich weiß von anderen, die noch mehr Rückmeldungen und Aufmerksamkeit erhalten haben als ich. Meiner Erfahrung nach scheint es einfach eine große Anzahl von Menschen zu geben, die bereit sind, Freundschaften mit Häftlingen zu schließen und oftmals sogar eine Romanze mit ihnen einzugehen.



Wenn ein Gefängnisinsasse ein Profil erstellt, erhalten selbst Männer mit grauenhaften Verbrechen, von denen man meinen mag, dass sie eine abschreckende Wirkung auf andere haben, eine beträchtliche Anzahl von Rückmeldungen. Ein Häftling, den ich persönlich kenne, war so dreist, dass er in seinem Profil erklärte: "Wenn du hässlich, fett oder arm bist, will ich nichts von dir hören." Trotzdem fanden sich Frauen, die auf seine Kontaktanzeige reagierten. Ungeachtet des Aussehens, Alters, schlechter sozialen Fähigkeiten oder anderer Faktoren, die in den normalen sozialen Medien ins Spiel kommen würden, wird jeder, der im Gefängnis sitzt und das Interesse hat sich zu vernetzen, früher oder später von jemandem hören.

Was auch immer ein Gefangener von einer Beziehung zu jemandem außerhalb der Mauern erwarten mag, auf einer Webseite, die Häftlinge als Brieffreunde vermittelt, wird er es finden können. Das ist wesentlich einfacher als der Versuch, jemanden mit anderen Mitteln zu täuschen. Solche Vermittlungsseiten mögen nur bedingt überwacht werden, aber jede von ihnen entfernt Profile, wenn sich herausstellt, dass der Gefangene ein anderes Foto als sein eigenes benutzt oder falsche Aussagen über den Grund seiner Inhaftierung macht. Da solche Informationen leicht nachzuschlagen sind und die meisten Webseiten außerdem Chat-Foren haben, werden die Lügner schnell entlarvt und gesperrt.

Abhängig vom jeweiligen Häftling mag er über viele andere Dinge lügen - oder auch nicht. Aber man kann sich mit ziemlicher Sicherheit darauf verlassen, dass es sich tatsächlich um die Person handelt, die im Profil angegeben ist.




Foto: Rawpixel.com / Shutterstock.com

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